Ein Turm tauchte wieder auf

Dorfkirche Mellnsdorf - Vorher 
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Dorfkirche Mellnsdorf - Nachher
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Fotos: Bernd Janowski

Schon bei der Anreise per Bahn im Oktober 2007 war etwas anders: Aus dem Zugfenster konnte der Besucher die Silhouette eines Kirchturms erkennen, die in den letzten Jahren fehlte.

Es war ein grauer, regnerischer Oktobertag; trotzdem hatte sich das ganze Dorf zum Richtfest an der Mellnsdorfer Kirche versammelt. Und das, obwohl unter freiem Himmel gefeiert wurde, da im Innenraum noch Gerüste stehen.

Als sich vor zwei Jahren in dem nur achtzig Einwohner zählenden Dorf mit Hilfe des Förderkreises Alte Kirchen der Förderverein Dorfkirche Mellnsdorf gründete, glaubte wohl niemand an einen so schnellen Erfolg. Denn damals sah es eigentlich hoffnungslos aus: Nach einem kräftigen Herbststurm waren 2002 das Glockengeschoss und die Turmspitze wegen akuter Einsturzgefahr abgenommen und auf dem Kirchhof abgestellt worden. Die Dachflächen von Kirchenschiff, Chor und Apsis, immer wieder ausgebessert, erinnerten an einen Flickenteppich. Trübselig auch der Blick in den Innenraum eine einfache Stützkonstruktion aus Kanthölzern und Brettern verhinderte den Einsturz der mit inzwischen abblätternden Medaillons bemalten Decke. Die abgebaute Orgel war im Nachbarort Blönsdorf eingelagert worden.

Seit Jahren hatte es Diskussionen mit der Kirchengemeinde und dem Kirchenkreis gegeben: Lohnt es sich überhaupt, in einem so winzigen Dorf viel Geld in die Sanierung eines Kirchengebäudes zu investieren? Doch die Mellnsdorfer ließen nicht locker, sie mahnten, forderten, sammelten Spenden und legten immer wieder auch selbst mit Hand an.

Belohnt wurde dieses Engagement unter anderem mit einem vom Förderkreis Alte Kirchen ausgeschriebenen "Startkapital 2006". Und schon im gleichen Jahr war es möglich, mit Mitteln der Kirchenprovinz Sachsen, des Förderkreises Alte Kirchen und der Mittelbrandenburgischen Sparkasse den ersten Bauabschnitt zu verwirklichen. Die Dächer der Apsis und des Chores wurden saniert. Als auch noch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz als Förderer gewonnen worden war, konnten im folgenden Jahr die Arbeiten fortgeführt werden. Der Dachstuhl des Kirchenschiffes wurde instand gesetzt und eine neue Deckung aufgebracht, Turmaufsatz und die Bekrönung sind wiederhergestellt. Zuvor war man beim Öffnen der Turmkugel auf eine Schatulle mit interessanten Dokumenten gestoßen:

Pastor Scheele zählte am 5. Juni 1891 in einem Brief an die Nachwelt jedes Gehöft und dessen Besitzer auf. Mellnsdorf hatte damals 129 Einwohner, davon 30 Schulkinder, von denen die meisten täglich zu Fuß zur Schule ins fünf Kilometer entfernte Blönsdorf gingen. Heute gibt es hier gerade noch vier schulpflichtige Kinder...

Auch beim diesjährigen Richtfest wurden Zeitdokumente in der Kugel hinterlegt. Sie erzählen vom Bemühen der Mellnsdorfer, ihre Kirche im Dorf zu lassen. Von Anfang an ging es nicht nur darum, das Äußere wiederherzustellen; in die alten Mauern sollte auch wieder Leben einziehen. Und so gab es bereits auf der Baustelle Gottesdienste und Benefizveranstaltungen. Mehrfach war das renommierte "Theater 89" zu Gast mit musikalisch-literarischen Programmen im Flair des improvisierten Raums und brachte so manchen Euro in die Spendenkassen des Vereins. Doch nicht nur professionelle Künstler treten hier auf, auch die Kinder der Blönsdorfer Schule zeigen regelmäßig ihre künstlerischen Fähigkeiten und unterstützen so die Bemühungen um die endgültige Restaurierung des Kirchengebäudes.

Die Silhouette des Dorfes ist wieder hergestellt, doch noch gibt es viel zu tun, um die Kirche wieder zu dem Schmuckstück werden zu lassen, das sie einmal war.

In alten Kirchenbüchern ist nachzulesen, dass bereits 1583, als ein Giebel der Kirche einzustürzen drohte, die Gemeinde zu arm für eine Ausbesserung war. Auch heute noch kann die kleine Kirchengemeinde die große Aufgabe der Erhaltung ihres Ortsmittelpunktes nicht allein bewältigen. In ihrer sympathischen und mitreißenden Art haben sie sich jedoch viele Freunde geschaffen. Das Startkapital und die zusätzliche finanzielle Förderung in Höhe von 9.250 € durch den Förderkreis Alte Kirchen, der auch weiterhin seine Unterstützung anbietet, fielen also auf fruchtbaren Boden.

Bernd Janowski

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