Die Kirche von Joachimsthal (Landkreis Barnim)

Seit dem Jahr 2002 stellt der Förderkreis Alte Kirchen regelmäßig eine "Dorfkirche des Monats" vor. Groß Jehser im August war immerhin schon die Nummer 67. Erstmals möchten wir in diesem Monat nun eine Stadtkirche Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen. Da das im waldreichen Gebiet der Großen Werbellinischen Heide, zwischen Grimnitz- und Werbellinsee gelegene Landstädtchen Joachimsthal gerade einmal 3.500 Einwohner zählt und überdies eine stark reparaturbedürftige "Schinkelkirche" besitzt, sei die Ausnahme gestattet.

Kirche Joachimsthal   Kirche Joachimsthal  
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Der Name des Ortes geht auf den Stadtgründer, Kurfürst Joachim Friedrich, zurück, der 1604 unweit der bereits aus askanischer Zeit stammenden Burg Grimnitz eine Ansiedlung für böhmische Glasmacher schuf. Die ergiebigen Wälder der Schorfheide lieferten genügend Holz zur Bewirtschaftung mehrerer Glashütten. Bereits 1607 stiftete der Kurfürst mit dem "Gymnasium Electorale Brandenburgium in valle Joachimica" überdies eine höhere Schule und erließ dafür eine Schulordnung reformierten Glaubens. In seinem Ursprungsort war dem "Joachimsthalschen Gymnasium" keine lange Zeitspanne gegönnt: Während des 30-jährigen Krieges flohen bereits 1636 Lehrer und Schüler nach Angermünde; 1647 wurde die Schule in Berlin reorganisiert.

Zeitgleich mit den Schulbauten entstand 1607 auch die erste Kirche in Joachimsthal. Auf einem historischen Plan des Joachimsthalschen Gymnasiums ist ein massiver Putzbau mit quadratischem Westturm und polygonalen Ostabschluss zu erkennen. Bereits 1730 jedoch musste die Kirche wegen Baufälligkeit abgetragen werden.

Der 1738 geweihte Kirchenneubau wurde als Quersaal angelegt und nur wenig später zur Kreuzkirche erweitert. Ein Stadtbrand vernichtete 1814 neben 40 Wohnhäusern und etlichen Scheunen auch die Kirche. Bereits drei Jahre später wurde der mittlerweile dritte Kirchenbau in Joachimsthal geweiht. Die ursprünglichen Pläne stammten von Distrikts-Baukondukteur Schramm, wurden jedoch von Karl Friedrich Schinkel, dem Chef der Königlich-Preußischen Oberbaudeputation wesentlich redigiert und überarbeitet. Es entstand ein verputzter neugotischer Backsteinbau auf den Fundamenten des abgebrannten Vorgängers. Statt eines kostspieligen Turmes entwarf Schinkel für die Südseite einen repräsentativen Schaugiebel mit Ecktürmchen und Uhr.

 Joachimsthal - Innen

Leider wurde bei einem Umbau 1969 der Innenraum gravierend umgestaltet. Der nördliche und südliche Kreuzarm wurden abgetrennt, um Räume für Winterkirche, Sakristei, Küchenraum und Toiletten zu gewinnen. Der Raum wurde entgegen dem ursprünglichen Konzept geostet und wirkt seither seltsam unproportioniert. Ein modernes Kruzifix der Künstlerin Elli-Viola Namacher prägt den Altarbereich, ist für den Kirchenraum aber eigentlich zu groß.

Aus der "Not" hat die Kirchengemeinde inzwischen eine Tugend gemacht. In den abgetrennten Räumen proben Jugendbands, Breakdancer und ein Gospelchor. Pfarrerin Beatrix Spreng setzt in einer offenen Kirche auf engagierte Jugendarbeit gegen vorhandene rechte Tendenzen in der Region. Der Gemeindekirchenrat steht dabei hinter ihr und nach mehr als zehn mühevollen Jahren sind die Erfolge nicht zu übersehen.

Nach dem Umbau von 1969 und mit bescheidenen Mitteln immer wieder notdürftig ausgeführten Reparaturarbeiten ist inzwischen eine umfassende Instandsetzung der Joachimsthaler Kirche dringend notwendig geworden. Die komplizierte Dachkonstruktion hat sich sichtbar geneigt. Tragende Holzteile sind durch Schädlingsbefall stark angegriffen. Im Bereich der Mauerkrone sind die Balkenköpfe weitgehend verrottet.

 Joachimsthal - Dach

Durch ein erfahrenes Architektenbüro ließ die Gemeinde ein Sanierungsgutachten erstellen. Das Überregionale Ausbildungszentrum (ÜAZ) in Wriezen erklärte sich bereit, mit Hilfe von vierzehn auszubildenden Zimmerleuten die Sanierung der Dachkonstruktion zu übernehmen. Statikberechnungen, Holzschutzgutachten und Baugenehmigungen wurden in Auftrag gegeben und verursachten bereits erhebliche Kosten. Dann kam, für den Architekten und die Gemeinde völlig unerwartet, das Nein von der Kreishandwerkerschaft, die "Wettbewerbsverzerrung" fürchtet. Die Arbeiten sollen öffentlich ausgeschrieben und mit "regulären Firmen" durchgeführt werden. Dadurch steigen die Baukosten erheblich an. Mühsam aufgestellte Kostenplanungen sind plötzlich wertlos geworden, für das laufende Jahr bereits zugesagte Fördermittel drohen zu verfallen, wenn sie nicht rechtzeitig abgerufen werden. Gegenwärtig wird fieberhaft an neuen Planungen gearbeitet, einen ersten Bauabschnitt den finanziellen Möglichkeiten anzupassen. Der Handlungsbedarf ist aufgrund der immensen Holzschäden im Dachbereich dringend!

Langfristig sehen die Planungen auch eine Sanierung des Innenraumes vor. Behutsam soll der vor vierzig Jahren erfolgte Umbau korrigiert werden. Dabei ist nicht vorgesehen, die damals eingebauten Funktionsräume rückzubauen. Durch Glaswände wäre es jedoch möglich, den ursprünglichen Raumcharakter anzudeuten und die Vision der "offenen Kirche" noch sichtbarer werden zu lassen. Auch weiterhin soll hier engagierte Jugendarbeit möglich sein.

Die Pläne für den Innenbereich sind Zukunftsträume. Notwendige Sicherungsarbeiten am Dach aber sind dringend geboten, um das Kirchengebäude weiterhin nutzen zu können.

Der Förderkreis Alte Kirchen beschloss, sich an den Kosten der Instandsetzung zu beteiligen.


Zum Weiterlesen:
Märkische Oderzeitung vom 19. Januar 2013: Förderverein Schinkelkirche gegründet
Märkische Oderzeitung vom 19. September 2013: Kirchturm zu versteigern
Der Förderkreis gehört zu den Preisträgern der Ausschreibung "Startkapital für Kirchen-Fördervereine 2014"
Märkische Onlinezeitung vom 18. Juni 2015: "Gott hat uns erhört"

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