Die Alte Kirche Golm (Stadt Potsdam)

Alte Kirche Golm 
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Golm
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Nicht nur für brandenburgische Verhältnisse bietet sich hier ein ungewöhnlicher Anblick: Im historischen Dorfkern von Golm ragen, nur wenige Schritte voneinander getrennt, zwei Kirchtürme in den Himmel. Dem unkundigen Besucher drängen sich Fragen auf: Waren die Golmer besonders fromm, so dass sie zwei Kirchen brauchten? Oder hat sich die Gemeinde zerstritten und ein Teil baute sich eine neue?

Erstmalig 1289 wird das Dorf Golm urkundlich erwähnt. Vermutlich aus dieser Zeit stammt auch die alte Dorfkirche. Nur schwer lässt sich das mehrfach umgebaute Kirchengebäude datieren. Der einfache Saalbau mit gerundetem Chorschluss ist zum größten Teil aus Backsteinen im Klosterformat errichtet, aber auch Feldsteine sind im Mauerwerk zu erkennen. Ihre heutige Form bekam die Kirche 1718, wie eine Inschrift auf der Rückseite des Altars berichtet. Damals erhielt sie auch den schlichten Turm und die barocke Ausstattung. Die mittelalterlichen Fensteröffnungen wurden zugemauert und neue größere eingebrochen.

Bereits sechzig Jahre später, 1778, beantragt die Gemeinde jedoch wegen Baufälligkeit einen Kirchenneubau. Der Antrag wurde abgelehnt, lediglich Reparaturen wurden durchgeführt. So richtig glücklich waren die Golmer mit ihrer unscheinbaren Kirche jedoch nicht. Immer wieder wurde von der königlichen Regierung, die das Patronat in Golm ausübte, ein repräsentativer Neubau gefordert, für den 1883 endlich der Grundstein gelegt werden konnte. Dem Ortsgeistlichen war es gelungen, den Kronprinzen und späteren 100-Tage-Kaiser Friedrich persönlich für das Projekt zu begeistern. Der Tag der Einweihung am 24. Juli 1886 wurde in Anwesenheit des Kronprinzen, seiner Gemahlin Victoria sowie dreier Prinzessinnen festlich begangen. Friedrich sprach "dem königlichen Kreisbauinspektor und den ausführenden Meistern seine Befriedigung über den schönen Bau" aus. In Erinnerung an den hohen Gönner sprechen die Einwohner von Golm noch heute von ihrer "Kaiser-Friedrich-Kirche".

Aus Anlass des Neubaus wurde jedoch keinesfalls die alte Dorfkirche abgebrochen, wie es an anderen Orten damals durchaus üblich war. Der Bau wurde notdürftig repariert und zur Begräbniskapelle umgenutzt. Für diesen Akt der Ehrfurcht vor dem historischen Gemäuer gebührt den damals Beteiligten noch heute unsere Dankbarkeit! Für die Kirchengemeinde jedoch stellte die Bauunterhaltung von gleich zwei Kirchen auf engstem Raume über die Jahrzehnte hinweg ein ständiges Problem dar.

Im Jahr 2002 gründete sich der Kirchbauverein Golm, der sich von Beginn an für die Erhaltung beider Denkmäler aussprach. Vorrang hatte jedoch der neugotische Backsteinbau, in dem die Gemeinde regelmäßig ihre Gottesdienste feiert. Hier konnten inzwischen auch erste Sanierungsmaßnahmen durchgeführt werden. In diesem Jahr wurde die Instandsetzung des Turmes abgeschlossen, im kommenden Jahr 2009 hofft man, die Dachsanierung bewältigen zu können.

Der kleinen Schwesterkirche im Schatten der großen geht es inzwischen jedoch immer schlechter. Auch für Beisetzungsfeierlichkeiten wird sie seit einigen Jahren nicht mehr genutzt, den Raum "könne man den Menschen nicht mehr zumuten". Etliche Bretter der flachen Holzdecke sind sichtbar durchgefault; in der Apsis wurde eine Notabsteifung gestellt. Zur Zeit befindet sich keinerlei Ausstattung im Kirchenraum. Der wunderschöne Altaraufsatz mit gewundenen Säulen und Akanthusschmuck, eine Stiftung des Soldatenkönigs, wird auf Initiative der Potsdamer Denkmalschutzbehörde derzeit restauriert. (Da das ursprüngliche Altarblatt 1992 gestohlen wurde, ist nun eine neu geschaffene Kopie einer Kreuzabnahme nach einem flämischen Meister in den Altar integriert.) Es ist fraglich, ob der restaurierte Aufsatz beim gegenwärtigen Zustand des Gebäudes wieder in den Kirchenraum zurückkehren kann.

Im Frühjahr 2006 sorgte eine Pressemeldung für Unruhe: "Alte Kirche Golm zu verkaufen. Evangelische Kirche stößt Immobilien ab." Der Kirchenkreis Potsdam beschäftigte sich damals mit der Erfassung sämtlicher Grundstücke und Bauten; die alte Kirche in Golm spielte in den Bedarfsplanungen keine Rolle mehr. Die Golmer Kirchengemeinde und der Kirchbauverein sehen das anders. Sie möchten das einmalige Ensemble mit beiden Kirchen erhalten und nutzen. Bereits zum vierten mal fand in diesem Jahr der "Golmer Tag der Archäometrie" statt. Bauforscher beschäftigen sich anhand modernster Technik mit der Historie der alten Dorfkirche. Die Ergebnisse sollen demnächst in Buchform vorgelegt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass die Ehrfurcht, die vor über 120 Jahren die Erbauer der neuen Kirche dazu bewegte, die nicht mehr benötigte "Altlast" trotzdem für die Nachwelt zu bewahren, sich gelohnt hat. Konzepte für eine Nutzung der alten Kirche Golm sowie für die Sicherung und Instandsetzung sind dringend gefragt.

Weitere Informationen: Kirchbauverein Golm e.V.; Dr. Rainer Höfgen; Tel.: (03 31) 5 05 49 62; E-Mail: kontakt@kirchbauverein-golm.de; www.kirchbauverein-golm.de

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